Irving Penn

Irving Penn

Chronist - Anachronist

Januar 2018

Es gibt Künstler, deren Werk das Gesicht einer Zeit mitprägt und doch nicht in sie hineinpasst. Weil es zeitlos, überzeitlich ist. Weil sie universale existenzielle Fragen stellen. Weil sie die Grenzen ihres Mediums ausloten und neue, unbequeme Maßstäbe setzen. Einer dieser Klassiker ist Irving Penn.

„Die Photographie ist lediglich die gegenwärtige Stufe der visuellen Geschichte der Menschheit (Irving Penn)."Wie wird man zu einem der wichtigsten und einflussreichsten Fotografen des 20. Jahrhunderts? Indem man nicht vorhat, einer zu werden. Irving Penn, geboren 1917 in New Jersey, aus bescheidenen Verhältnissen stammend – wie er niemals müde wurde zu betonen –, Sohn jüdischer Immigranten, strebt schon früh eine Karriere als Maler an. Von 1934 bis 1938 studiert er an der Philadelphia Museum School of Industrial Art (heute Philadelphia University of the Arts). Der Einfluss seines Lehrers Alexey Brodovitch ist von entscheidender Bedeutung: Durch ihn begegnet er der Kunst der europäischen Avantgarde, dem Surrealismus, unterschiedlichsten künstlerischen und gestalterischen Techniken. Der Perfektionist lernt, den Zufall im Schaffensprozess zuzulassen. Als Brodovitchs Assistent bei Harper’s Bazaar saugt Penn alles auf, was ihm unter die Finger kommt. Lehrjahre, die ihn prägen, und in denen er immer am Puls der internationalen Kunst- und Modeszene ist.
Penn sieht selbst ein, dass er nicht das Zeug zum großen Maler hat. Der Impuls, als Fotograf tätig zu werden, kommt von Alexander Liberman. Der Art Director wird zur zweiten prägenden Persönlichkeit seiner künstlerischen Karriere: 1943 holt er Penn zur Vogue und ermutigt ihn, seine Ideen selbst im Bild umzusetzen. Ihre fruchtbare Zusammenarbeit wird zum Nährboden für unzählige Modestrecken und Zeitschriften-Cover. Liberman lässt Penn alle künstlerischen Freiheiten, schickt ihn zu den Modenschauen nach Paris und ermöglicht ihm freie Projekte, die wiederum seine Modeaufnahmen gestalterisch befruchten. Mit seiner untypischen Herangehensweise an die Modefotografie setzt Irving Penn Maßstäbe und prägt über Jahre das Gesicht des Magazins.

Mit seiner Vorliebe für das Schlichte, Spartanische nimmt Penn eine Ästhetik vorweg, die Jahrzehnte später zum Standard in der Modefotografie werden sollte. Das Bahnbrechende seiner Modeaufnahmen: Penn befreit die Studiofotografie von allem Ballast und Dekor. Er verzichtet auf die in den 1940er und 1950er Jahren üblichen Stoffblumen, Möbel und sonstigen Requisiten, positioniert seine Fotomodelle im leeren Raum vor einfachsten Hintergründen. Der Effekt ist enorm: Nichts lenkt von der Figur ab. Durch das für Penn typische Spiel aus starker Pose und zarter Beleuchtung entstehen Bilder mit hoher Plastizität und kontrastierender, pudriger Lichtwirkung. Der Gegensatz zur schlichten Umgebung verleiht den Haute-Couture-Kleidern noch mehr Reiz. Penns Modelle wirken wie antike Statuen, klassisch, monumental – anachronistisch, wie aus der Zeit gefallen. Nur die Mode lässt auf ihre Verortung Mitte des vergangenen Jahrhunderts schließen. Die Vorliebe für das Schlichte, Spartanische wird zu Penns Markenzeichen. Hiermit nimmt er eine Ästhetik vorweg, die Jahrzehnte später zum Standard in der Modefotografie werden sollte.
Doch nicht nur die Inszenierung der Bilder ist revolutionär, sondern auch ihre psychologische Tiefe. Für Penn sind sie Porträts, keine Modeaufnahmen. Es sind Gelegenheiten zur intensiven Auseinandersetzung mit seinem Gegenüber. In jedem Gesicht, jedem Körper und jeder Geste sucht er nach dem Individuellen, nach den spezifischen Charakteristika, die den Menschen vor ihm ausmachen.

Dieses psychologische Suchen und Ergründen prägt auch Penns Porträtserien. Die bekannteste darunter: seine „Corner Portraits“ (ab 1948), in denen er prominente Persönlichkeiten vor bzw. in einer Ecke aus zwei zusammengeschobenen Stellwänden positioniert. Vor dem einfachen weißen Hintergrund konzentriert sich das Auge voll und ganz auf den Menschen im Bild. Das ungewöhnliche, teils unangenehme Setting führt zu ungewohnten Posen – Georgia O’Keeffe blickt uns zurückhaltend bis unsicher entgegen, Spencer Tracy dagegen betont lässig, Truman Capote maliziös. Der Umgang mit dieser Situation lässt individuelle Verhaltensweisen und Eigenarten zum Vorschein treten – und genau darauf legt Penn es an, will sie als Manifestationen des Charakters herausschälen und festhalten. Im Laufe der Zeit kommt er seinen Protagonisten immer näher, bewegt sich von der Ganzkörper- zur Nahaufnahme. Eine seiner berühmtesten Fotografien: Picasso mit Hut, der dem Betrachter unverwandt entgegenblickt. Ein einzelnes Bild, das den Charakter einer komplexen künstlerischen Persönlichkeit zu erfassen vermag.

Penn studiert, analysiert, seziert. Dabei interessieren ihn nicht nur Künstlerpersönlichkeiten. Mit der gleichen Neugierde und Aufmerksamkeit holt er in seiner Serie „Small Trades“ (1950-51) Handwerker und kleine Angestellte mit ihren berufstypischen Attributen vor die Linse – Charakterstudien, aber auch Dokumente einer untergehenden Welt.

Unterstützt und finanziert von der Vogue, reist Penn zwischen 1967 und 1971 nach Benin, Nepal, Kamerun, Papua-Neuguinea, Marokko. In einem mobilen Zelt entstehen – vor dem immer gleichen, typisch schlichten Hintergrund – umfassende Porträtserien von Angehörigen der dortigen Volksstämme. Aus postkolonialistischer Sichtweise nicht unumstritten, geht es Penn auch hierbei um das chronistische Festhalten von Attributen einer traditionellen Welt, deren Tage gezählt scheinen. Vor allem aber ist jede Aufnahme eine Beschäftigung mit dem Menschen an sich, ein Näherungsversuch an das Fremde im Anderen – und eine Suche nach dem Gemeinsamen, Verbindenden.
Irving Penn richtet den Blick auf das Individuelle und verweist damit gleichzeitig auf das allgemein Menschliche. Ob es sich beim Protagonisten vor der Kamera um eine bekannte Persönlichkeit handelt, um ein Fotomodel, einen Handwerker oder einen Stammeskrieger aus Papua-Neuguinea: Unter seinem zugewandten, vorbehaltlosen Blick sind alle Menschen gleich, weil sie – wir – alle anders sind.

Irving Penns Bilder sind Befragungen der Conditio humana, des Zustands und Wesens der Welt. Abgrenzung als Methode zur Selbstvergewisserung, zur Weltaneignung: Beobachtung und Analyse sind Penns Mittel der Wahl. Seine Bilder sind Befragungen der Conditio humana, des Zustands und Wesens der Welt. So setzt Penn nicht nur im Porträt, sondern auch im Stillleben Maßstäbe: Surrealistisch angehauchte Auftragsarbeiten für Vogue und die Werbeindustrie bürsten die Konventionen gegen den Strich. Seine freien künstlerischen Aktstudien (1949) sind formale Experimente zwischen Akt und Stilleben, Auseinandersetzungen mit Körpervolumina und archaischen Idolen wie der Venus von Willendorf. Mit atemberaubenden Blumenkompositionen (1960er Jahre) erreicht er im Medium Fotografie die Qualität altniederländischer Barockgemälde. Weiter geht er mit den Reihen „Cigarettes“ (ab 1972), „Street Material (1975) und „Archaeology“ (1979-80): Die großformatigen Aufnahmen von Zigarettenstummeln und Abfall aus den Straßen der Stadt suchen das Überzeitliche im Zeitgenössischen. Der Blick auf den Mikrokosmos spiegelt den Makrokosmos wider. Sie schockieren die Kunstwelt mit ihrer Ästhetik des Hässlichen. Nicht ohne Grund: Als Dokumente der Welt, die uns umgibt, sind sie gleichzeitig subtile Kommentare zu ihrem Zustand – zu Überfluss und Wegwerfgesellschaft, zu Vergänglichkeit und Gedankenlosigkeit. Ein ästhetisch anachronistisch erscheinender Ansatz, zumal in den politisch bewegten Zeiten der 1960er und 1970er: Irving Penns moderne Vanitas-Stillleben sind Neuinterpretationen barocker Tradition. Mit ihnen reiht er sich ein in die lange Kette der Kunstgeschichte. Die Themen sind universal, Formate und Medien ändern sich: „Die Photographie ist lediglich die gegenwärtige Stufe der visuellen Geschichte der Menschheit“, äußert sich Penn 1975.

Das künstlerische Werk Irving Penns steckt, wie schon häufig festgestellt wurde, voller Widersprüche – aber auch Kohärenzen, thematisch wie formal. Trotz ihrer monumentalen Wirkung und der inhaltlichen Tiefe haftet Penns Fotografien nichts Schweres an. Selbst seine Mode- und Werbearbeiten sind eigenwillig, nie gefällig, changieren zwischen Strenge und surrealem Blickwinkel.
Doch die Auseinandersetzung mit Inhalt und Stil reicht Irving Penn irgendwann nicht mehr – er entdeckt das Handwerk. Als er zu Beginn der 1960er Jahre in ein kreatives Loch fällt, besinnt Penn sich auf die Anfänge der Fotografie und experimentiert ab 1964 mit Techniken aus der Frühzeit des Mediums im 19. Jahrhundert. Malerische Bilder mit satter Farbwirkung und differenziertem Nuancenreichtum entstehen. Mit Wiederentdeckung des Platin-Palladium-Drucks werden Bild und Bildträger eins, die Fotografie ist nicht länger nur ein Abzug von einem Negativ. Im Ringen um die Aura des Kunstwerks zieht sie als Gattung mit der Malerei gleich. Hiermit setzt Penn erneut Maßstäbe – und trägt zur Aufwertung der Fotografie als Kunstform bei. Der Fotograf und (Ana)Chronist wird am Ende doch noch zum Maler.

Text: Jennifer Christina Albers
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Anlässlich des 100. Geburtstages von Irving Penn im Jahr 2017 zeigt das Grand Palais in Paris seit September 2017 in Zusammenarbeit mit dem Metropolitan Museum New York eine umfassende Retrospektive von Irving Penns Werk. Noch bis 29. Januar 2018 (www.grandpalais.fr/en/event/irving-penn)

Abbildungsnachweis: Truman Capote, New York 1948, © The Irving Penn Foundation