Ästhetik der Arbeit und Poesie des Privaten

Ästhetik der Arbeit und Poesie des Privaten

Fotografien von H.R. Uthoff

Juli 2017

Wirtschaftswunder, Petticoats, Peter Krauss und VW-Käfer...Beim Gedanken an die 1950er und 1960er Jahre in Deutschland haben wir alle feste Bilder im Kopf – geprägt durch Zeitdokumente, Film- und Fernsehindustrie, Erzählungen der Eltern- und Großelterngeneration. Aber Bilder im Kopf sind nur Bruchstücke der Wirklichkeit. Sie wollen immer wieder neu ausgerichtet werden, damit sie nicht zu Zerrbildern werden. Hans Rudolf Uthoffs Fotografien geben dem Kopfkino Nahrung und Substanz: Sie holen diese Zeit ins Jetzt, füllen scheinbar Bekanntes mit Leben und fügen ihm neue Facetten hinzu. Mal humorvoll-pittoresk, mal zeitlos modern wirken seine schwarzweißen Aufnahmen einer Gesellschaft im Wandel.

Hans Rudolf Uthoff porträtiert Alltagsleben und Freizeittreiben, ein Deutschland zwischen Spießigkeit und Aufbruchstimmung. Es sind die Menschen, die einer Zeit ihr Gesicht geben. Und Uthoff ist nah dran an ihnen. 1927 in Hannover geboren, landete der gelernte Glasmaler erst spät bei seiner eigentlichen Leidenschaft, der Fotografie, und über Umwege in Bochum. Von 1957 bis 1967 dokumentierte er als Pressefotograf für die HÜTTENZEITUNG des „Bochumer Verein für Gußstahlfabrikation AG, Bochum“ Arbeit und Leben der Angestellten. Vor allem Letzteres lag Uthoff am Herzen. Seine Aufnahmen zeigen die Menschen hinter der Maschine – geben ihren Gesichtern und Leidenschaften Raum und Rahmen.

Porträts stolzer Arbeiter zeugen vom Selbstbewusstsein der Kumpels: Ihre harte Arbeit ist etwas wert und wird gut bezahlt. Das „Revier“ boomt. Es ist die Zeit des großen wirtschaftlichen Aufschwungs, und das Ruhrgebiet mit seinen Kohleförderungen und Stahlwerken treibt die erstarkende deutsche Industrie an. Auch die Freizeit ist wieder etwas wert: Man kann es sich leisten auszugehen, Volksfeste zu feiern, sich Hobbys zuzulegen, gut zu essen, sich modisch zu kleiden. Schrebergartenkolonien, aber auch Supermärkte und Modehäuser nach internationalen Vorbildern entstehen – in Kettwig und Castrop-Rauxel schaut man nach Paris und New York.

Mehr als Ruhrpott-Romantik: Uthoffs Blick ist wachsam und ästhetisch anspruchsvoll.Hans Rudolf Uthoff porträtiert Alltagsleben und Freizeittreiben: Jahrmärkte, Tanzturniere, Konzerte. Spaziergänger, Passanten, Wartende. Ein Deutschland zwischen Spießigkeit und Aufbruchstimmung. Über zehn Jahre ist ein bildgewaltiges, facettenreiches Zeit- und Gesellschaftspanorama entstanden. Die junge Frau auf der Straße oder das Stühlechaos beim Posaunenfest: Uthoff hat ein feines Gespür für kleine Begebenheiten. Wo andere dokumentieren, erzählen seine Bilder Geschichten – ohne repräsentativen Anspruch und gerade deshalb so lebendig. Er sucht nicht das Exemplarische, sondern das Individuelle im Alltäglichen.

Doch Uthoffs Aufnahmen sind mehr als Ruhrpott-Romantik. Sein Blick ist wachsam und ästhetisch anspruchsvoll. Gerüste, Brücken, Hochspannungsleitungen entfalten formalen Reiz und zeichnen ein Bild der Industriekultur avant la lettre. Auch den Rest der Republik hat er im Auge. Ob ein Blick auf den Grenzzaun in West-Berlin oder die Ausstellung technischer Errungenschaften auf der Industriemesse Hannover – in beiläufig aufgenommenen, aber perfekt komponiert wirkenden Szenen wird deutlich, was die Menschen dieser Zeit umtreibt. Die Lebenswelt ist weit mehr als Kulisse: Das Leben spielt sich immer stärker in der Stadt ab und Uthoff macht sie zur Mitprotagonistin. Reisen nach Berlin, England, Paris bleiben nicht ohne Folgen. Als Street Photographer arbeitet Uthoff mit Rückenfiguren, experimentiert mit Ausschnitten und Perspektiven. Anzugbeine in Gesellschaft von Regenschirmen, lange Schatten auf breiten Gehwegen, Kaufhaus-Warteschlangen, Gassi gehende Hunde, Autoverkehr: Alltag in deutschen und europäischen Großstädten.

Ende der 1960er Jahre zeichnet sich der Niedergang der Bergbauindustrie im Ruhrgebiet ab und auch Uthoff beginnt ein neues Kapitel. Er geht in die Presse- und Verlagsstadt Hamburg, fotografiert als Bildjournalist für unterschiedliche Magazine und bereist die Welt. Uthoffs Blick bleibt unverändert, der eines Porträtisten: In zahlreichen Fotobänden und Reportagen hält er das Bild ferner Länder und Städte fest, dringt bis ins Innere Sri Lankas oder des World Trade Centers vor.

Uthoff fotografiert zahlreiche Politiker und Prominente. Von Stars wie Robert Redford oder Juliette Gréco entstehen frische, charakterstarke Momentaufnahmen. Die Menschen vor der Linse sind nun nicht mehr unbekannt. Doch wiederum schaffen es Uthoffs sensibel gezeichnete Porträts, den Bildern und Images, die wir im Kopf haben, neue Facetten hinzuzufügen.

Diese Authentizität, dieser sensible, wache, stets poetische Blick verleihen Hans Rudolf Uthoffs Bildern noch heute Relevanz und Strahlkraft. Über das Ruhrgebiet, über Deutschland hinaus: So hat man die „goldenen Jahrzehnte“ dann doch noch nicht gesehen.

Text: Jennifer Christina Albers