Aristoteles Onassis

Aristoteles Onassis

Der goldene Grieche

Januar 2016

Schon die Vornamen des griechischen Reeders suggerieren Übermenschliches: Aristoteles Sokrates Homer. Seine Schwester hieß Artemis, seine erste Frau Athina, sein Sohn Alexander. Er selbst sieht sich als modernen Odysseus und doch hat seine Geschichte viel vom Ikarus, der der Sonne zu nahe kam.

Die Sehnsucht nach den großen Dingen entspringt bei Onassis bestimmt nicht anderen Motiven als üblich: Geld, Ansehen, Bestätigung. Aber da ist mehr. Seine Vita kann man lesen als den Versuch, dort anzukommen, wohin er erst nicht durfte – nur um alles wieder gehen zu lassen, als er es endlich hatte. Er selbst sieht sich als modernen Odysseus und doch hat seine Geschichte viel vom Ikarus, der der Sonne zu nahe kam.

Als „Ari“ sechs Jahre alt ist, stirbt seine Mutter. Bald danach beginnt die Entfremdung mit dem Vater. Während des griechisch-türkischen Krieges 1919–1923 muss seine Familie wie alle Christen ihre Heimatstadt Smyrna (heute Izmir) verlassen, da ist Ari gerade 13. Die turbulente Rettung der Familie kostet den Jungen eine Menge Geld – zu viel nach Ansicht des Vaters, der ihm deswegen schwere Vorwürfe macht. Sechzehnjährig emigriert Onassis allein nach Buenos Aires und beginnt bei Null.

Jahrzehnte später ist er ein bedeutender Reeder und doch gehört er nicht zu seinesgleichen. Die wichtigsten griechischen Tankerdynastien stammen von den Inseln, Onassis als Anatole ist genauso außen vor wie sein Jetset-Compagnon und späterer Hauptkonkurrent Stavros Niarchos, der aus Sparta stammt. Dazwischen liegen Ereignisse, die umso mehr mystifiziert wurden, je länger sie zurückliegen, je größer der Kontrast zwischen dem frühen Habenichts und dem späten Goldgriechen hervortritt. Sicher ist, dass sich der junge Aristoteles in Argentinien mit verschiedenen Jobs über Wasser hält, ehe ihm die Idee kommt, den Verkauf von türkischem Tabak zu seinem Hauptgeschäft zu machen. Bereits nach zwei Jahren hat er damit eine sechsstellige Summe verdient, eine eigene Fabrik und eine Zigarettenmarke namens Omega. Als Geschäftsmann gewinnt Onassis zunehmend an Einfluss und wird schließlich griechischer Generalkonsul.

Für den Einstieg in die Reederei braucht er Glück, in diesem Fall die wirtschaftliche Depression der späten 1920er-Jahre. Überall liegen Schiffe ohne Ladung vor Anker. Onassis greift zu, doch die hohen Liegegebühren machen ihm zu schaffen. Bald aber erholt sich die Wirtschaft, während die Kohle als Energielieferant an Bedeutung verliert. Erdöl ist im Kommen, für den Transport braucht es Tanker, die wiederum hat bzw. produziert der Grieche in schnell wachsender Zahl. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ist seine Flotte bereits auf 46 Frachter angewachsen. 1945 ist Onassis unermessliche 100 Millionen Dollar schwer.

Der Tanker-Tycoon wird immer umtriebiger, ist auch in Deutschland präsent, baut eine riesige Walfangflotte auf, erwirbt eine Fluglinie und wird gar zum Mehrheitseigner der Bädergesellschaft von Monte Carlo, inklusive Casino und Luxushotels. Mitte der 1950er funkt ihm sein Konkurrent Niarchos in einen Mega-Deal mit Saudi-Arabien hinein. Doch wieder hilft eine Krise Onassis aus der Patsche: Ägyptens Staatschef Nasser blockiert den Suezkanal, sodass die verlängerten Transportwege um Afrika herum die Gewinne des goldenen Griechen explodieren lassen.

Spätestens jetzt wird Aristoteles Onassis zum öffentlichen Menschen, zum Jetsetter und Bonvivant, wie man ihn heute kennt und der meint, einen eigenen Krawattenknoten erfinden zu müssen. Spätestens jetzt wird Aristoteles Onassis zum öffentlichen Menschen, zum Jetsetter und Bonvivant, wie man ihn heute kennt und der meint, einen eigenen Krawattenknoten erfinden zu müssen. Weil Widersacher Niarchos auch eine hat, muss seine „Christina“ noch besser, zur luxuriösesten Yacht der Welt werden - bis hin zu den Sitzbezügen aus Walvorhaut. Auf der Christina geht die High Society der 50er-Jahre ein und aus. Greta Garbo, Liz Taylor und Richard Burton, Winston Churchill, Maria Callas. Letztere besucht ihn 1959 zusammen mit ihrem Ehemann. Als der Törn zu Ende ist, sind es auch zwei Ehen. Onassis verlässt seine Athina und erobert die Sopranistin. Mit ihr sollte er die schönsten Jahre seines Lebens verbringen.

Überhaupt lässt sich an der Wahl seiner Frauen eine Entwicklung ablesen, die mit geschäftlichen Zwecken beginnt und mit dem Erobern und Vorzeigen von Prestigeobjekten endet. Nummer eins ist die Norwegerin Ingeborg Dedichen, mit der er neun Jahre liiert ist und die dank ihres Vaters, der eine Walfangflotte besitzt, bei der Finanzierung von Öltankern hilft. 1946 wird es eine Nummer größer: Athina ist die 17jährige Tochter des griechischen Großreeders Livanos. Er heiratet sie und hat mit ihr zwei Kinder. Als seine Affäre mit der Starsängerin Callas bekannt wird, reicht sie die Scheidung ein. Von da an spielt sich praktisch das gesamte Privatleben des Griechen vor den Augen der Weltöffentlichkeit ab. Nicht genug? Nur durch eine Frau kann die Liaison zwischen den beiden bekanntesten Griechen der damaligen Zeit noch getoppt werden. Jackie Kennedy lernt er ebenfalls auf der „Christina“ kennen. Sie werden zum Glamour-Pärchen einer ganzen Generation. Gleichwohl bezeichnet er die Ehe mit der Ex-Präsidenten-Gattin als größten Fehler seines Lebens. Bezeichnend, dass der Reederkönig ihn nicht mehr korrigieren kann. Kurz vor Einreichen der Scheidung erliegt er 1975 den Folgen einer Lungenentzündung.

In seiner zweiten Lebenshälfte treibt Onassis sich in konzentrischen Kreisen immer mehr in die große Welt hinaus. Und doch: Schon mit Maria Callas will er zurück zu den griechischen Wurzeln, die er nie kannte. In seiner zweiten Lebenshälfte treibt Onassis sich in konzentrischen Kreisen immer mehr in die große Welt hinaus. Und doch: Schon mit Maria Callas will er zurück zu den griechischen Wurzeln, die er nie kannte. Er kauft die Insel Skorpios und gestaltet sie mit der (ebenfalls Exil-Griechin) Callas zum Rückzugsort, vielleicht zur Heimat, die er eigenhändig mit Bäumen bepflanzt. Odysseus bekommt nicht sein Ithaka, bei schönem Wetter kann er es von seiner Insel aus aber wenigstens sehen. Skorpios indes baut er zwar mit immensen Mitteln um, gemessen an sonstigen pompösen Sperenzien erschafft er sich dort, im milden Klima des Ionischen Meers, aber ein eher frugales Refugium. Ein Heim für sich und seine Diva, bekannt geworden aber eigentlich erst durch Jackie.

Die letzten Jahre sind die des Ikarus. Mit der Kennedy, so sagen böse Zungen, gibt es Streit seit der Hochzeitsnacht. Sie gestaltet die Insel um, er bringt sie wieder in den ursprünglichen Zustand. Jackie wirft sein Geld zum Fenster heraus, er trifft sich mit Maria Callas und hat außerdem weitere Affären. Dennoch ermöglicht er Jackies Familie den unsinnigsten Luxus: Für Töchterchen Caroline werden eigens Shetland-Ponys nach Skorpios verbracht, John juniors Karnickel per Privatjet eingeflogen oder New Yorker Hot-Dogs importiert.

Geprägt werden die letzten Jahre auch durch tragische Schicksale: Im Januar 1973 stürzt sein Sohn Alexander mit dem Flugzeug ab, seine erste Ehefrau flüchtet daraufhin in den Alkohol und stirbt ein Jahr später an einer Überdosis Barbituraten. Onassis folgt ihnen bald darauf. Auch Tochter Christina wird nur 38. Wie bei ihr sollen auch beim Tod der Callas 1977 Medikamente im Spiel gewesen sein. Die legitime Erbin des Magnaten, so hört man, will mit diesem Fluch nichts mehr zu tun haben. Sie verkauft Skorpios 2012 an einen russischen Milliardär. Am Ende ist alles Göttliche zum Irdischen zurückgekehrt.

Text: CJG