Celebrities

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Die hohe Kunst des schönen Scheins

Dezember 2015

„Ich wollte […] nicht einfach nur mondän sein. Ich wollte der König der mondänen Welt sein. Ich wollte nicht nur auf die Partys eingeladen werden. Ich wollte die Macht haben, jede Party zu sprengen.“
So blickt Jep Gambardella, der Protagonist in Paolo Sorrentinos filmischem Meisterwerk „La Grande Bellezza“, auf seine Anfänge als Epigone der römischen Oberschicht zurück. Er bezeichnet damit genau das, was die Figuren der High Society für uns so interessant macht: Glanz und Ausschweifung, Dekadenz und rauschende Partys – und über allem: Macht. Der Celebrity ist nicht nur Teil der feiernden Meute – er ragt aus ihr heraus und beherrscht sie. Er besitzt die Macht, allein durch seine Präsenz oder Nichtpräsenz, durch sein Verhalten und seine Laune den Verlauf des Abends zu steuern. Der Blick der anderen ist auf ihn gerichtet – erwartungsvoll, bewundernd oder neidisch. Er vermag es, eine ganze Palette von Gefühlen und Begehrlichkeiten zu wecken und auf seine Figur zu konzentrieren. Diese Macht übt eine schier unwiderstehliche Anziehungskraft auf Außenstehende aus. So wollen wir auch sein! Je mehr wir uns als Teil der Menge fühlen, desto stärker wünschen wir uns, aus ihr hervorzustechen. Je unbedeutender wir uns fühlen, desto mehr wünschen wir uns, Einfluss nehmen zu können. Wer sehnt sich nicht nach Bedeutung, Ruhm und Autorität? Und sei es nur eine flüchtige Ahnung davon, eine Pose, Andy Warhols five minutes of fame. Es geschafft haben, in aller Munde sein. Das Motiv des Stars und seiner Erschaffung durch das Bild, die Inszenierung, ist die perfekte Verkörperung unseres Zeitgeists.

Mögen sie im Einzelfall zutreffen oder nicht – auf den Celebrity oder Prominenten übertragen sich all diese Wünsche und Fantasien. Denn auch in säkularen Zeiten braucht es Identifikations- und Projektionsfiguren. Jede Zeit hat ihre Ersatzgötter und schafft sich ihre Götzenbilder. Die Idole der Popkultur lösen religiöse und spirituelle Ikonen ab. Doch antike, archaische und christliche Symbolik hallen noch nach: in sinnlichen oder tragischen Posen. Die visuell orientierte Mainstreamkultur ist eine heidnische. Das Gebot „Du darfst dir kein Bildnis machen“ wird, in sein Gegenteil verkehrt, zum Leitsatz, alles bebildern und abbilden zu müssen. Das Motiv des Stars und seiner Erschaffung durch das Bild, die Inszenierung, ist die perfekte Verkörperung unseres Zeitgeists. Der zutiefst selbstreferentiell arbeitenden Postmoderne und der zutiefst selbstverliebten Popkultur dient es als Symbol und Anknüpfungspunkt, um unterschiedlichste Perspektiven und Diskurse zu öffnen: den soziologisch-psychologischen, den dramaturgisch-inszenatorischen, den bildwissenschaftlichen, kommunikations­wissenschaftlichen oder marktwirtschaftlichen Diskurs. Doch nicht nur Wissenschaft und Feuilleton wenden sich heute vermehrt ernsthaft dem Phänomen Starkult zu: Auch die Kunst hat den Celebrity als symbolhafte oder heroisch-tragische Figur für sich entdeckt und untersucht an ihm Praktiken der Erzählung und der (Selbst-)Darstellung, wie etwa Alison Jackson, die in ihren Porträts von Celebrity-Doppelgängern immer wieder mit Erwartungshaltungen der Betrachter und gewohnten Inszenierungssschemata spielt.

Pressefotos, Starporträts und Paparazzibilder finden Einzug in Museen und Galerien – beispielhaft sei hier an den großen Erfolg der letztjährigen Paparazzi-Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt erinnert. Und mehr noch: Die spezielle Optik dieser Bilder beeinflusst Ästhetik und fotografische Sprache unserer Tage. Anschnitte, Unschärfen, starke Kontraste oder Überbelichtung werden zu Stilmitteln in künstlerischer Fotografie, Grafikdesign und Werbung. Fehler und Unvollkommenheiten erzeugen Widerhaken, an denen das Auge hängenbleibt. In einer Welt der glatten, durchgestylten Oberflächen sehnt es sich nach dem Authentischen. In einer Welt der glatten, durchgestylten Oberflächen sehnt sich das Auge nach dem Authentischen. Gleiches gilt für das Motiv: Echte Stars haben Ecken und Kanten, sind Persönlichkeiten – an glatten Charakteren kann man sich nicht reiben.
Doch was macht darüber hinaus einen Star aus? Was unterscheidet ihn vom lediglich Blitzlichtsüchtigen, vom B- bis Z-Promi, dem Narrenvolk unserer Mediengesellschaft? Ruhm lässt sich nicht erzwingen. Erfolg muss authentisch und nachvollziehbar sein, um das Interesse der Öffentlichkeit nachhaltig auf sich ziehen zu können. Die Schere zwischen denen, die – zumindest in den Augen der öffentlichen Meinung – tatsächlich etwas geleistet haben, für das sie bekannt geworden sind, und denen, die ganz offensichtlich das Bekanntsein an sich als Selbstzweck anstreben, geht weit auseinander. Doch nur erstere bleiben im Gedächtnis haften, während letztere nach schnellem Konsum vergessen sind. Richtige Stars tun das, was sie tun, aus Leidenschaft. Bewundert werden sie nicht nur für das Ergebnis, sondern auch für die Art und Weise ihres Schaffens. In der Hingabe des Stars an seine Leidenschaft (etwa zur Schauspielerei, zum Filmemachen oder zur Musik) findet der Fan sich und seine Hingabe (zum Star) wieder. Authentische Leidenschaft überträgt sich, steckt an. Wer in der Realität keine eigene Leidenschaft für den Beruf oder im Privatleben findet, sucht sich seine Stellvertreterpassion. Er leidet mit seinem Objekt mit.

Auch und vor allem im Privaten wird gern mitgelitten. Nicht anders ist die unverwüstliche Existenz einschlägiger Klatschblätter oder Gossip-Internetportale zu erklären. Ob Nachwuchs im Königshaus oder Streit zwischen Jackie und Aristoteles Onassis: Neugierde und Identifikation sind Grundmechanismen einer Kommunikations­gesellschaft. In der Außensicht sind Stars und Sternchen lebende Erzählungen; ihr reales Leben wird von den Medien in eine Geschichte transferiert. Je epischer die Geschichte, desto mehr Aufmerksamkeit wird ihr das Publikum schenken: ob mit Steve Jobs ein (ehemaliger) David gegen Goliath kämpft oder anhand von Lady Di und Dodi das Märchen von der Schönen und dem Biest nacherzählt wird. Und sind sie gefallen, dann lieben wir sie noch mehr: Stars machen Fehler – am besten offensiv kommuniziert, denn das Publikum will verzeihen. Im Verzeihen kann der Liebende menschliche Größe zeigen und sich durch diesen Akt seinem geliebten Objekt näher fühlen, die Beziehung stärken. Brigitte Bardot am Strand, Audrey Hepburn mit scheuem Blick, Sean Connery in klassischer James Bond-Geste: Bilder unseres kollektiven Gedächtnisses. Echte Stars sind nicht nur schön oder reich oder erfolgreich in dem, was sie tun. Sie schaffen große Bilder und unvergessliche Posen, inszenieren sich. Sie finden oder erfinden ihren eigenen Stil, drücken bestenfalls einer Zeit ihren Stempel auf oder sind ihr voraus. Denn ein Star ist eine Marke, unverwechselbar. Und gut funktionierende Marken mit positivem Wiedererkennungswert sind wertvolle Güter in einem kapitalistischen System. Der interessanteste Held ist der tragische, der gescheiterte, an der Umwelt oder sich selbst zerbrochene.

Schwierig wird es, wenn etablierte Marken in den Strudel des digitalen Wandels geraten. Das Risiko für den Star im Zeitalter seiner digitalen Reproduzierbarkeit: Die Schnelllebigkeit von Internet und sozialen Medien ist Katalysator für seinen Aufstieg und Fall. Die Halbwertszeit wird immer kürzer, das Bild oberflächlicher und unberechenbarer. Einmal im Netz, entfaltet es eine eigene Dynamik, ist nicht zurückzuholen und kaum zu löschen. Es wird leichter, dem kollektiven Gedächtnis seinen Stempel aufzudrücken, aber auch schwieriger zu kontrollieren, wie er aussieht. Die Machtverhältnisse verschieben sich: vom Celebrity hin zum Publikum, vom Pressefotografen oder Paparazzo hin zur Internetcommunity. Mit der Authentizität der Bilder schwinden Macht und Kontrolle. Trotz Wandels sind die Grundprinzipien konstant – die Götzen und ihre Bilder bleiben, nur die Gestalt verändert sich. Und nicht wenige verzweifeln an ihrer Rolle. Denn Licht und Schatten liegen bekanntlich nah beieinander. „Alles wird überlagert von Geschwätz und Lärm: Stille und Empfindsamkeit, Gefühl und Angst; die spärlichen, unsteten Augenblicke von Schönheit“, zieht Sorrentinos Societykönig Gambardella Bilanz. Am Ende ist die Macht des Celebritys doch nur eine einsame Pose. Nur zu leicht wird der Zirkus zum Selbstzweck. Man verliert sich unter dem selbstgeschaffenen oder mitgestalteten Bild. Doch Liebe kennt keine Grenzen, auch nicht den Tod – haben doch Legenden für das Publikum ihren ganz eigenen Reiz. Ob Marilyn Monroe, Elvis Presley, James Dean oder Amy Winehouse, der interessanteste Held ist der tragische, der gescheiterte, an der Umwelt oder sich selbst zerbrochene. Der Held ist gefallen, seine Macht war eine Illusion. Doch die Liebe bleibt.

Text: Jennifer Christina Albers