David Bowie

David Bowie

Genie und Chamäleon des Pop

August 2015

Der Erste, der ihn umhaute, war Marc Bolan. Im Fernsehen lief die Sendung „Disco 72“, T. Rex spielten „Metal Guru“, Bolan schüttelte seine unglaubliche Mähne mit diesen Korkenzieherlöckchen, riss die Faust hoch, so dass der Junge zurück zuckte, denn er saß so haarscharf vor der Mattscheibe, dass er das Gefühl hatte, direkt vor T. Rex am Bühnenrand zu stehen - während der Glitter in Bolans Gesicht wie Puderzucker direkt aus der Kiste auf den Teppich rieselte.
Bands wie T.Rex, Mott The Hoople, Slade, Wizzard oder Gary Glitter hatten ihn in die Popwelt katapultiert. Aber der Größte war David Bowie. Als er ihn zu ersten Mal sah, konnte er kaum glauben, was er da vor sich hatte. Der Junge starrte in den Fernseher: War das ein Mann oder eine Frau? Auf jeden Fall ein Wesen nicht von dieser Welt, fremd und sympathisch zugleich. Rötliche Haare, auf eine Art hochtoupiert, wie es der Junge noch nie gesehen hatte. Die Augen dunkel geschminkt und mit rotem Lippenstift auf dem Mund, stand auf der Bühne. Am unglaublichsten war sein Outfit, eine gelb-rot-blaue Mischung aus Hippiekluft und Barockweste. Jeder andere hätte peinlich ausgesehen, bei Bowie wirkte es cool, lässig, überzeugend. Die Band spielte „Starman“ und obwohl der Junge nur ahnte, von was Bowie sang, spürte er diese alienhafte Ästhetik, die das Lied ausstrahlte. Er saß hier, in dem Reihenhaus im Wohnzimmer und befand sich doch irgendwo in einer Welt, die weit über der eigenen schwebte.
Die nächsten Tage und Wochen schlich er sich mittags, wenn er allein in der Wohnung war, regelmäßig ins elterliche Schlafzimmer. Er holte die Haarbürste der Mutter aus der Kommode und platzierte sich zwischen Spiegelschrank und Bett. Er versuchte die Bewegungen Bowies zu imitieren und tatsächlich hatte er das Gefühl, dass sein Hüftwackeln, die ruckhaften Bewegungen, das Nachhintenwerfen seines Kopfes und das laut in das Haarbürsten-Mikrophon-Hinein-Singen, ihn aus dem Schlafzimmer auf die Bühne transportierte. Im Spiegel sah er, wie er vor einer kreischenden Menge „Starman“ sang, und es war echt. David Bowie war hier, bei ihm, in seiner Welt. Im Spiegel sah er, wie er vor einer kreischenden Menge „Starman“ sang, und es war echt. David Bowie war hier, bei ihm, in seiner Welt.
Er tapezierte sein Zimmer, in dem er im Doppelstockbett mit seinem Bruder lag, mit Postern seiner Lieblingsbands. T. Rex, natürlich ganz groß. Slade, die er mochte, weil sie prollig krachenden Glam Rock spielten. Und mit diesem Riesenposter von David Bowie, auf dem er exakt diesen wahnsinnigen Anzug trug, in dem er ihn das erste Mal gesehen hatte.
Er verschlang sämtliche Teeniemagazine, in denen er Artikel über David Bowie fand. Meistens erschienen sie ihm oberflächlich, denn er ahnte, dass Bowies Kunst mehr war, als nur als Sänger auf der Bühne zu stehen.

Mittags ging er rüber in den Hof der Hankes, der zum Treffpunkt der Jungs aus der Nachbarschaft wurde. Dort saß er mit seinen Kumpels, bis der Schech-Hansi vorbei kam. Hansi wohnte in der Siedlung am Wald. „Gesindel und Zigeunerpack hause dort“, zischte der Nachbar. Aber die Mutter meinte nur, dass die Leute halt wenig Geld hätten. Tatsächlich traute sich der Junge nie allein in diese Gegend, und auch vor Hansi hatte er einen Heidenrespekt. Normalerweise verkehrte der nicht mit den Fünfzehnjährigen, sondern trieb sich mit den Älteren herum, die seine Mutter gern als Halbstarke titulierte.
Hansi hatte einen batteriebetriebenen Plattenspieler und aus welchen Gründen auch immer schien er großen Gefallen daran zu finden, diesen dem Jungen und seinen Freunden vorzuführen. Hansi selbst hatte kaum Platten, umso mehr bewunderte der Junge die Tatsache, dass er dieses Gerät besaß. Mit Fragen der Gesellschaft hatte sich der Junge nie beschäftigt. Sein Vater war Schweißer, sie wohnten in einer Werkssiedlung. Er war Arbeiterklasse durch und durch, soviel war ihm klar. Hansi aber war eine Liga darunter. Der Junge wusste, dass Hansis Vater ein stadtbekannter Trinker war, in der Siedlung kein Einzelfall. Ihn störte das nicht und es war ihm egal, als einige seiner Kumpel ihn fragten, warum er sich mit Hansi abgab.
Und irgendwann hatte der Junge das Gefühl, Hansi, dem Halbstarken aus der Barackensiedlung, näher zu stehen, als den meisten seiner alten Freunde. Schließlich wunderte er sich nicht, dass er mit der Zeit regelmäßig Hansi in der Siedlung besuchte, meistens einen Stapel Platten unterm Arm.

Einmal hatte er die „Space Oddity“ Single von Bowie dabei. Hansi war hin und weg, wollte die Platte immer wieder hören. Er löcherte den Jungen nach Fragen zu Major Tom, was der wohl mache, wen David Bowie hier besinge. Der Junge meinte, dass er das auch nicht so genau wisse, wahrscheinlich sei Major Tom ein Astronaut, der aus dem Weltraum auf die blaue Erde blicke. Hansi fragte den Jungen, ob er ihm die Single ein paar Tage ausleihen könne.

Er zögerte. Einerseits hatte er Angst, seine geliebte Platte nicht mehr zurück zu bekommen. Andererseits verlieh ihm Hansis flehender Blick, die Bitte des körperlich weit überlegenen Halbstarken aus der Barackensiedlung, vor dem seine Freunde Schiss hatten, solch ein Machtgefühl, dass er es nur dadurch ausleben konnte, indem er ihm die Platte gab.

Eine Woche später brachte ihm Hansi die Platte zurück. Die Zeile: „Planet Earth is blue“ habe nichts mit der Farbe der Erde zu tun, sie weise auf die Traurigkeit von Major Tom hin, auf seine Einsamkeit, meinte er. Die Zeile: „Planet Earth is blue“ habe nichts mit der Farbe der Erde zu tun, sie weise auf die Traurigkeit von Major Tom hin, auf seine Einsamkeit, meinte er.Noch mehr als die Tatsache, dass Hansi ihm die Platte unbeschadet zurück brachte, erstaunte den Jungen, dass Hansi stundenlang mit einem Wörterbuch verbracht haben musste, um den Song zu übersetzen. Er selbst war zu faul, ihm reichte es oft, Fragmente eines Songs zu verstehen und die Musik dazu zu hören.

Drei Jahre später geschah das Unglück. Ein Autounfall, nachts. Fünf Leute, vier davon starben sofort, der Fahrer zwei Tage später. Hansi war auch dabei. Sie waren auf dem Rückweg eines Konzertes von Uriah Heep gewesen und der Junge dachte als Erstes: was für ein sinnloser Tod für so eine Scheißband. Er schämte sich für diese Gedanken, aber sie hämmerten in seinem Kopf: „Scheißband! Scheißband! Scheißband!“ Bis er begriff, dass es die Wut war. Die Wut, jemanden zweimal verloren zu haben. Denn irgendwann waren seine Treffen mit Hansi spärlicher geworden, Schließlich hatten sie sich gar nicht mehr getroffen. Man lief sich natürlich unweigerlich in dem kleinen Kaff über den Weg, hatte sich aber nichts mehr zu sagen. Aus Freunden waren Fremde geworden.
Trotzdem traf ihn die Nachricht von seinem Tod wie ein Schlag ins Gesicht, weil er fühlte, dass nun, warum auch immer, seine Jugend vorbei war. Er hätte ihm gerne gesagt, dass er Recht hatte mit seiner „Einsamkeits“ Theorie, er hätte mit ihm gerne noch über Bowie diskutiert, diesen prophetischen Songschreiber, der nicht nur die Welt des Jungen verändert hatte.

Abends ging er in sein Zimmer, die alten Poster waren abgehängt, weggeworfen oder im Schrank verstaut. Es dauerte eine Weile, bis er das Bowie-Poster wieder herausgekramt hatte. Er schaute es eine Weile an, dann ging er zu seinen Platten und zog „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and The Spiders from Mars“ heraus. Seite 1, Lied Nummer 4. Die leisen Kratzgeräusche der Nadel schienen ewig zu dauern, er dachte schon, dass die Platte hing, als er die Akustikgitarre hörte. „Didn`t know what time it was/ lights were low“, formten seine Lippen, als Bowie zu singen begann. Er schloss die Augen, sah durch die geschlossenen Lider hindurch, wie die Wände in seinem Zimmer blau wurden. Eine unendliche Müdigkeit überkam ihm, er legte sich auf sein Bett und die Musik umschloss ihn wie eine wärmende Decke. Er fühlte den Sternenstaub, der durch das Fenster herein geweht wurde und als er Hansis Gesicht sah, musste er lächeln. „There`s a starman/waiting at the sky/he like to come and meet us/But he thinks he`d blow our minds“, murmelte er. Dann schlief er ein.

Text: Carmelo Policicchio