Die Disco Ära

Die Disco Ära

Von Liebe, Frieden und Harmonie zu Glitzer, Disco und Exzess.

Oktober 2016

Während die 70er-Jahre in den USA als eines der schwierigsten Jahrzehnte in der Geschichte des Landes gelten, bezeichnen gleichzeitig viele diese Jahre dennoch als die wildeste Zeit ihres Lebens.

1969 wurde das Tanzverbot für gleichgeschlechtliche Paar aufgehoben und die Welt begann sich zu drehen wie eine Disco-Kugel. Aus Hippies wurden Hedonisten und das Studio 54 wurde zum Inbegriff einer Ära, deren Bezeichnung Disco nicht mehr nur eine musikalische Stilrichtung beschrieb. Bianca Jagger und Andy Warhol wurden zu den Galionsfiguren dieser Ära und Gloria Gaynors 'I will survive' zu ihrer Hymne. "Die Disco-Bewegung, zwischen 1976 und 1979 auf ihrem Höhepunkt, prägte von Amerika aus maßgeblich den Zeitgeist und das Lebensgefühl einer ganzen Generation". Die Disco-Bewegung, zwischen 1976 und 1979 auf ihrem Höhepunkt, prägte von Amerika aus maßgeblich den Zeitgeist und das Lebensgefühl einer ganzen Generation. „Sie lebten für ihre durchtanzten Nächte in einer örtlichen Disco, dem 2001 Odyssey. [...] Und ein Mal in der Woche, Samstagnacht, explodierte alles in einen großartigen Moment der Erlösung“ beschrieb Nik Cohn 1976 den Eskapismus einer Generation junger Amerikaner im Angesicht von Arbeits- und Perspektivlosigkeit.
Der Widerstand gegen Normen, Traditionen und soziale Ungleichheit erwuchs aus den enttäuschten Idealen der Hippie und Flower-Power-Bewegung der 60er und brach sich in neuen Filmen, neuer Musik und einer neuen Mode bahn: Schrille Farben, exzessive Partys und einer von älteren Generationen als skandalös empfundenen Musik. Disco war geboren.

Im Studio 54 wurden zu dieser Zeit die legendärsten und exzessivsten Partys der westlichen Hemisphäre gefeiert. Prominente und nicht prominente Nachtschwärmer kamen in Smoking und Abendkleid, kostümiert wie zu Karneval oder nackt. Um an der Tür auserwählt zu werden, musste man nicht zwingend reich und berühmt oder gar nackt sein, aber auf die ein oder andere Weise flamboyant wie das regelmäßige, von Margaux Hemingway als 'Halston-Liza-Minnelli-Crowd' beschriebene Publikum des Clubs. Keinesfalls wollten die Macher des Studio 54 'bridge-and-tunnel-people' im Club haben, also Leute, die nicht aus Manhattan stammten und durch die Tunnel und über die Brücken New Yorks nach Manhatten hätten gelangen müssen. Nicht nur der gehobene Exzess, auch die Türpolitik wurde im Studio 54 erfunden. 'Dictatorship at the door, democracy on the floor', fasste Andy Warhol das Erfolgsrezept des Clubs zusammen.

"Die Eröffnung des Studio 54 markierte den Wendepunkt der Disco-Bewegung von einer subkulturellen Untergrundbewegung zum Mainstream, und damit zu einem Massen-Phänomen." Nichtsdestotrotz wurde der in der 54. Straße zwischen 8. Avenue und Broadway gelegene Club zum place to be, einem Ort der Magie, an dem Arm und Reich, alt und jung, berühmt und unbekannt zusammenkamen um die rauschendste Party ihres Lebens zu feiern. “Very aloof society people, people who had never been accessible to the lower classes, were suddenly eager to meet real people.”

Die Eröffnung des Studio 54 markierte den Wendepunkt der Disco-Bewegung von einer subkulturellen Untergrundbewegung zum Mainstream, und damit zu einem Massen-Phänomen. „All of us knew that night that we weren’t at the opening of a discotheque but the opening of something historical, that was going to change the shape of the way people lived or played ... There were no rules. Sodom and Gomorrah met the High Street that night.“

Dabei war der Umgang mit der eigenen Sexualität nur ein skandalöser Teil der Disco-Bewegung der zweiten Hälfte der 70er-Jahre. Der Exzess wurde zum Lebensgefühl. Kokain hielt man für ein harmloses Energitikum, AIDS war noch unbekannt und in den Discotheken der Metropolen wurde freie, wilde Liebe praktiziert. Die Geburt der Hotpans, der schillernden Pailletten und der gigantischen Plateau-Schuhen fügten der Schlaghose - dem verspielten Boho-Stil der 60er Jahre - eine neue, schrille und laute Komponente hinzu.

Auch die Traumfabrik Hollywood mit ihrem Happy-End-Diktat, starren Erzählweisen und einer durch die großen Studios festgelegten Struktur erlebte in diesen Jahren eine Revolution. Filme wie 'Einer flog über das Kuckucksnest', 'Rocky' oder 'Saturday Night Fever' thematisierten alles, wogegen die Jungen der 70er aufbegehrten: Bevormundung, Machtmissbrauch, Unterdrückung von Minderheiten, Verletzung der Würde und der Freiheit des Individuums. Die Filme der Ära wurden zum Sinnbild für das Gefühl einer Generation, die nach einem Wertewandel verlangte und die, solange dieser auf sich warten ließ, Zuflucht im Rausch der Disco suchte.

Text: Rebecca Novosel, Nora Tarasjanz