Extrem laut und unglaublich nah

Extrem laut und unglaublich nah

Fotografien von Ron Galella

März 2017

Jede Disziplin hat ihren Meister und jeder wahre Meister hat seine Mona Lisa. Für Ron Galella ist es das Foto der „Windblown Jackie“: jene Aufnahme von 1971, die unser Bild der späten Jackie Kennedy Onassis prägen sollte und vom Time Magazine zu den 100 einflussreichsten Bildern des letzten Jahrhunderts gezählt wurde. Kein Sensationsfoto, sondern ein spontanes Porträt der privaten Jackie. Selbst in lässiger Alltagskleidung und mit vom Wind zerzaustem Haar verstrahlt sie Haltung, Stil und den ihr eigenen zurückhaltenden Charme.
Aus dem Augenblick heraus entstehen die besten Bilder: Galella hatte Jackie in den Straßen von New York erspäht, war in ein Taxi gesprungen und hatte den Fahrer gebeten, sie anzuhupen – sie drehte sich um, mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen. Hätte sie erkannt, dass Galella in dem Auto saß, wäre die Geschichte anders ausgegangen. Zwei Gerichtsprozesse führte Jackie Kennedy Onassis gegen den Paparazzo, der seinem Lieblingsmotiv trotz einstweiliger Verfügung immer weiter nachstellte. Galellas Interesse an ihrer Person ging über das Erhaschen gut verkäuflicher Fotos hinaus – später gab er unumwunden zu, von Jackie besessen zu sein.

Legendär wurde die Begegnung mit Marlon Brando, der Galella fünf Zähne ausschlugAuch andere wehrten sich gegen den zudringlichen Galella und seine Methoden. Mit raffinierter Dreistigkeit verschaffte er sich Zugang zu Galas, Hotels und Backstagebereichen, um die Stars abzupassen und im entscheidenden Augenblick auf den Auslöser zu drücken. Legendär wurde die Begegnung mit Marlon Brando, der Galella fünf Zähne ausschlugund am nächsten Tag selbst mit einer entzündeten Hand ins Krankenhaus musste. Auch Richard Burton wehrte sich tatkräftig und hetzte seine Bodyguards auf Galella, bevor der dann im Gefängnis von Cuernavaca, Mexiko, landete.
Neben seinen Fotos sind es auch diese Mythen, die Storys hinter den Bildern, die zu Ron Galellas legendärem Ruf beigetragen haben. Eben dieses Vorgehen und die dadurch entstandenen Bilder hoben ihn von anderen Bildjägern ab und machten ihn zum König der Paparazzi, zum „Paparazzo Extraordinaire“, wie Newsweek titelte. Galella lauerte den Stars nicht anonym versteckt, aus sicherer Entfernung mit dem Teleobjektiv auf, sondern suchte die persönliche Begegnung. Er besuchte ihre Partys und Clubs, knipste im und vor dem Studio 54, lief ihnen auf offener Straße hinterher oder klopfte an ihre Hotelzimmertür. Die Methoden manch anderer Paparazzi, vor allem der heutigen Generation, lehnte er ab. Galella suchte die Konfrontation und trug dann eben auch die Konsequenzen dafür. Marlon Brando jagte er weiterhin nach, aber nur noch mit einem Football-Helm ausgerüstet. Diese augenzwinkernde Sturheit machte Galella selbst zur Kultfigur und zum Mitprotagonisten einiger der bekanntesten Brando-Paparazzibilder.

Galellas großfigurige Akteure zeigen sich in spontanen Posen, häufig als Reaktion auf die Linse des Fotografen. Durch die offene Begegnung entstanden laute, plakative Bilder aus nächster Nähe. Es sind eher authentisch-direkte Porträts als indiskrete Beobachtungen bei Alltagstätigkeiten. Galella interessiert der unverstellte Ausdruck, die menschliche Seite des fast übermenschlich überhöhten Prominenten. Das machte ihn zum erklärten Lieblingsfotografen Andy Warhols. Im Mittelpunkt steht die Person und nicht die öffentliche Sichtbarmachung ihres wahrscheinlich eher unspektakulären Privatlebens. Das Bildnis Jackies in den Straßen von New York interessierte Galella mehr als eine nackte Jackie beim Eincremen am Strand. Seine stalkerische Obsession kannte doch Grenzen.
Viele Fotografien Galellas sind zu Ikonen geworden, die unser Bild von bekannten Figuren der Zeitgeschichte mitgeprägt habenGalellas Fotos zeichnen sich nicht nur methodisch, sondern auch ästhetisch durch ihre vergleichbar hohe Qualität aus: kräftige Helldunkelkontraste, spannende Ausschnitte und starke Bildkompositionen, die sich bei solch spontan entstandenen Aufnahmen nur durch ein gut beobachtendes, formal geschultes Auge ergeben können. Seine Fotos entwickelte er selbst in der eigenen Dunkelkammer – umso bemerkenswerter ist die Qualität der Abzüge. Nicht umsonst gilt Ron Galella als der Künstler unter den Paparazzi.
Der Sohn italienischer Einwanderer, aufgewachsen in der New Yorker Bronx, besuchte nach seinem Dienst bei der Air Force als Fotograf im Korea-Krieg das Art Center College of Design in Los Angeles, das er 1958 mit einem Abschluss im Bereich Fotojournalismus verließ. Naheliegend, als junger Fotograf in der „City of Stars“ seine Motive auf Filmpremieren und an Filmsets zu suchen. Schon bald verkaufte Galella seine Bilder an alle großen Magazine der Zeit: Harper’s Bazaar, Life, Vanity Fair oder den Rolling Stone. Andere fotografierten in Rom und Cannes, er etablierte die Bilderjagd in den USA und wurde so schon in den 1960er Jahren zur eigenen Marke; als „Godfather of the U.S. paparazzi culture“ bezeichnete ihn das Time Magazine. Galella selbst hingegen verstand sich nicht als typischer Paparazzo, sondern immer als Fotojournalist.

Ron Galellas Bilder finden sich in Museen wie dem New Yorker MoMA oder der Tate Modern in London. Galerien und Ausstellungshäuser wie die Helmut Newton Stiftung oder C/O Berlin widmen ihm Einzelausstellungen. In keiner Paparazzi-Überblicksschau dürfen seine Werke fehlen. Was nicht nur an ihrer fotografischen Qualität und Galellas Gespür für den richtigen Moment liegt, sondern auch an der historischen Bedeutung der Bilder. Viele Fotografien Galellas sind zu Ikonen geworden, die unser Bild von bekannten Figuren der Zeitgeschichte mitgeprägt haben: ein Mick Jagger mit wütend geschürzten Lippen oder Andy Warhol in zurückhaltend-hintergründig mit der Kamera spielenden Posen. Sie sind auch beredte Dokumente einer vergangenen Ära und unseres Blicks auf diese Jahre.
Darüber hinaus ist Galella Protagonist und Meister einer Form des Bildjournalismus, die es so fast nicht mehr gibt. Der Paparazzifotografie hat er seinen ganz persönlichen Stempel aufgedrückt, sie zur Kunstform erhoben. Nur wenige seiner Kollegen zeichnen sich durch einen eigenen Stil aus – geschweige denn heutige Nachfahren in Zeiten der technisch hochgerüsteten, qualitativ nicht weiter erwähnenswerten Sensationsfotografie. Galellas Bilder sind Galella: laut, nah, plakativ. Stark.

Text: Jennifer Christina Albers