Muhammad Ali

Muhammad Ali

Wie Cassius Clay zur Box-Legende wurde

August 2015

“I am the greatest” – ein Satz wie ein Donnerschlag. Einer der berühmtesten Aussprüche der gesamten Sportgeschichte und eine Aussage, die wie keine zweite narzisstische Selbstwahrnehmung und bewundernde Außensicht auf einen gemeinsamen Nenner bringt. Doch allen martialischen Auftritten zum Trotz, verbirgt sich hinter Muhammad Ali, mit bürgerlichem Namen Cassius Clay, mehr als urwüchsiges Herumprügeln zwischen “Rumble in the jungle” und dem “Thrilla in Manila”.

Die Boxlegende nimmt ihren Anfang wie viele minderprivilegierte dunkelhäutige Sportler in den Vereinigten Staaten der späten 1950er-Jahre – und bedient jedes Klischee. Der zwölfjährige Cassius ertappt einen Dieb, der ihm sein Fahrrad stiehlt. Von der Obrigkeit im Stich gelassen, startet er das Training und gleichsam einen Rachefeldzug wider alle und jeden, die gegen ihn sind oder es sein könnten. Von der Obrigkeit im Stich gelassen, startet er das Training und gleichsam einen Rachefeldzug wider alle und jeden, die gegen ihn sind oder es sein könnten.

Zu einer besonderen wird seine Vita nicht nur durch seinen unbändigen Willen, sondern vor allem durch sein außergewöhnliches Talent. Mit Leichtigkeit sammelt er Amateurtitel, gewinnt 1960 Olympia-Gold in Rom und wird Profi. Sein Stil – „schwebe wie ein Schmetterling und stich zu wie eine Biene!“- ist einzigartig, als Sieben zu Eins-Außenseiter obsiegt er über Sonny Liston und ist 1964 zum ersten Mal Weltmeister. In diesem Kampf hatte Liston noch aufgegeben, den Rückkampf im Jahr darauf entschied Ali eindeutig - mit dem sogenannten Phantomschlag bereits nach knapp zwei Minuten.

Steter Begleiter schon in dieser Phase: Spott, Häme und Beleidigung seiner Gegner. Den am Boden liegenden Liston schrie Ali über ihm stehend an “Steh auf und kämpfe, Du Penner!” und sorgte für eines der berühmtesten Fotos aus seiner Karriere. Bereits zuvor hatte er über einen anderen Gegner getönt: „Archie Moore will be on the floor in round four“ – eine Prophezeiung, die im übrigen erst eine Runde später eintreten sollte. Andere Widersacher wurden als Hasen oder stinkende Bären bezeichnet, Joe Frazier gar bei einem Interview vor laufender Kamera in den Schwitzkasten genommen.

Doch der Rüpel aus Louisville vermag sich auch mit politischen Statements in Szene zu setzen. Nachdem er bereits als 22jähriger seine Mitgliedschaft in der Nation of Islam bekanntgegeben hat, konvertiert er 1975 zum Islam. Schlagzeilen macht er aber vor allem, weil er sich weigert, den Wehrdienst anzutreten. Er werde keine andere arme Nation ermorden, um mitzuhelfen, die Vorherrschaft der Weißen über dunklere Völker zu sichern. Dass ihm deswegen 1967 sein Titel aberkannt wird, kann ihn in dieser Frage nicht bekehren - auch am Vietnamkrieg verweigert er seine Teilnahme: “Clean out my cell 
And take my tail to jail, 
'Cause better to be in jail fed 
Than to be in Vietnam, dead“. Ali wird zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt und bleibt zwar gegen Kaution auf freiem Fuß, darf aber sein Land nicht verlassen. Auch die Boxlizenz wird ihm für drei Jahre entzogen, es folgen Auftritte im Fernsehen und an Universitäten sowie Äußerungen zu gesellschaftlichen und politischen Fragen.

Ali geriert sich derweil als Sprachrohr der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Mit Bleichgesichtern mache er keine gemeinsame Sache und werde Amerika von den Zionisten beherrscht. Beim Boxkampf ist er der personifizierte schwarze Stolz, das Symbol der amerikanischen Gegenkultur. Sein Widersacher im „Fight of the century“, Joe Frazier, hingegen steht bei vielen weißen Amerikanern im Ruf, ein „guter Neger“ zu sein – und wird von Ali deswegen als „Uncle Tom“ verspottet. Es ist der erste Kampf, den Ali verlieren wird.

Rassenthemen spielen auch beim sogenannten „Rumble in the jungle“ eine Rolle, also jenem Kampf um den Titel der WBA und WBC, welchen Promoter Don King, die Legende mit dem Afro-Frontspoiler, 1974 auf den afrikanischen Kontinent lotst. George Foreman lässt sich mit deutschem Schäferhund ablichten und weckt Erinnerungen an die Kolonialzeit, wohingegen Ali die Sympathien der Einheimischen schnell auf seiner Seite weiß.
Beim Kampf in Kinshasa gegen den ungeschlagenen Foreman ist Ali nur der Außenseiter und gemeinhin wird erwartet, dass seine turbulente Karriere mit einem Schlag zu Ende geht. Es kommt anders und wieder einmal gibt die taktische Flexibilität den Ausschlag. Dieses Mal ist es nicht der Ali-Shuffle, nicht die neben den Hüften herunterhängenden Hände und auch nicht das Auspendeln gegnerischer Attacken. Vielmehr lässt sich Ali absichtlich in die Seile drängen und lehnte seinen Oberkörper nach hinten. Den Kopf kann Foreman nicht erreichen und was Alis Körper trifft, federn zu einem Teil die recht locker gespannten Ringseile ab. Der besser trainierte Foreman verpulvert seine Kräfte immer mehr und muss sich auch noch verbale Provokationen seines Kontrahenten gefallen lassen. Je länger der Kampf geht, desto mehr gewinnt Ali die Oberhand, bis er schließlich Ende der achten Runde - „Ali, boma ye!“ („Ali, töte ihn!“) - vernichtend zuschlägt. Foreman wird ausgezählt, Ali holt sich den Titel zurück, den er ja nur aus politischen Gründen verlor.

Ali, dessen Karriere schon zu Ende schien, hat noch große Jahre vor sich. Bis 1977 wird er noch zehn Mal seinen Titel verteidigen, kämpfen und Jahrhundert-Schlachten schlagen. Eine solche ist der sogenannte „Thrilla in Manila“, die gelungene Revanche gegen Joe Frazier im wohl besten Schwergewichtskampf aller Zeiten. Temperaturen um die 40 Grad verlangen beiden Widersachern das Maximum ab, Frazier muss aufgeben, weil seine Augen fast komplett zugeschwollen sind, Ali erleidet später einen Kreislaufkollaps. Ein Höhe- und Wendepunkt für beide Athleten.
Es folgen einige Schaukämpfe und Comeback-Versuche, die Ali vielleicht besser hätte lassen sollen. Zumal er bei den letzten Auftritten schon von der Parkinson-Krankheit beeinträchtigt war, die bis heute sein größter Kampf ist. Die wilde Legende von einst ist ein zahmer alter Mann geworden, dem vielleicht selbst erbitterte Feinde inzwischen verzeihen können.

Text: CJG