Die Königin Amerikas

Die Königin Amerikas

Jackie Kennedy Onassis – Selbsterschaffung einer Ikone

November 2016

Manche Menschen führen ein Leben, so prall gespickt mit Erlebnissen, Glück und Tragik, dass es für drei weitere reichen würde. Jackie Kennedy Onassis war einer dieser Menschen. Schon zu Lebzeiten wurde sie zur Ikone, ihre Geschichte zur tragischen Legende.
Geboren als Jacqueline Lee Bouvier, Tochter irisch-französischstämmiger Eltern aus dem New Yorker Geldadel, verheiratet mit John F. Kennedy und Aristoteles Onassis, First Lady, Jetset-Figur und zweifache Witwe, sollte sie ein spektakuläres Leben unter den Augen der Öffentlichkeit führen. Wie wenige schaffte sie es, den permanent auf sich gerichteten Blick des Publikums gefasst zu ertragen. Wie wenige vermochte sie es, sich selbst perfekt zu kontrollieren – und ihre Rolle jederzeit zu inszenieren. Wie wenige vermochte Jackie Kennedy es, sich selbst perfekt zu kontrollieren – und ihre Rolle jederzeit zu inszenieren.

Als Debütantin hatte sie schon früh begriffen, wie wichtig das Bild war, das sie der Öffentlichkeit bot. Beste Manieren, Selbstdisziplin, vollendete Höflichkeit, dazu kulturelle Bildung, Sprachbegabung und Charme – eine erstklassige Partie. John F. Kennedy erkannte, wie nützlich es für einen aufstrebenden Politiker sein konnte, sie an seiner Seite zu haben. Eine Heirat aus Kalkül, heißt es. Sie sicherte sich Geld und Aufstieg, er eine perfekte Vorzeigeehefrau. Und tatsächlich: Die Rechnung ging auf. Die Herzen der Öffentlichkeit flogen Jackie zu. Stets strahlend und stilbewusst verhalf sie Johns Präsidentschafts-kampagne und dem Hause Kennedy zu Glanz und Erfolg.
Als First Lady wurde sie zur Modeikone. Sie ließ sich eine eigene Kollektion designen und prägte den Kleidungsstil der frühen 1960er Jahre entscheidend mit. Zeitungen und Magazine waren voll von Jackie-Kennedy-Bildern. Frauen in ganz Amerika kopierten ihre geschmackssicheren Kombinationen aus klaren, geometrischen Schnitten, Pillbox-Hüten und Perlenketten. Ein Stil, der auch heute noch zeitlos elegant ist. „Like Jackie“ wurde zum eigenen Fashion-Attribut.

Wohin auch immer die „Queen of America“ kam – die Welt lag ihr zu Füßen. Ihre Kultiviertheit und ihr Sprachentalent öffneten ihr die Herzen anderer Nationen. Presse und Publikum liebten ihren Charme und Johns Natürlichkeit. Sie versuchten nicht, krampfhaft seriös zu wirken, sondern lebten ihre Jugendlichkeit in gemeinsamen Urlauben und im Umgang mit den Kindern unbeschwert aus. Sie waren das Traumpaar des modernen, glamourös-nonchalanten, gebildeten Nachkriegsamerika.
Die Bezeichnung „First Lady“ mochte sie nie; sie bevorzugte die Anrede „Mrs. Kennedy“. Und doch wird Jackie stets der Inbegriff der First Lady bleiben. Warum? Weil sie die Rolle neu erfand, weil sie hier völlig neue Maßstäbe setzte. Sie krempelte das Weiße Haus um, dekorierte und restaurierte. Sie zog Historiker und Berater hinzu, bis sie dem wichtigsten Aushängeschild der amerikanischen Demokratie wieder zum Glanz seiner Gründerväter verholfen hatte. Für eine Sensation sorgte Jackie Kennedy, als sie 1962 nach vollendeter Renovierung dem amerikanischen Publikum in einer TV-Dokumentation erstmals die Türen zum Weißen Haus öffnete. Die Wichtigkeit der Massenmedien und das Bedürfnis der Öffentlichkeit nach einer Identifikationsfigur, die dem Politbetrieb ein persönliches Gesicht gab, hatte sie erkannt. Und wurde dafür sogar mit dem Emmy ausgezeichnet. Nie zuvor hatte die First Lady eine solch starke Rolle in den Medien gespielt.

Sie wusste um die Macht der Bilder, wusste Statements zu setzen.Zu ihrer Rolle gehörte auch die Selbstinszenierung als hingebungsvolle Gattin. Ihre eigene Klugheit und Gewandtheit stellte sie mit sanfter Stimme und artigem Lächeln zugunsten des Präsidenten zurück. Trotz Affären und Eheproblemen gelang es ihr, die Fassade einer liebenden Ehefrau und Mutter in Perfektion aufrechtzuerhalten – bis über Johns Tod hinaus. Nach seiner Ermordung gingen die Fotos von Jackie Kennedy im blutbefleckten pinkfarbenen Kostüm und als trauernde, schwarzverschleierte Witwe bei seiner Beerdigung um die Welt. Jeder sollte sehen, was man ihrem Mann, ihr selbst und der amerikanischen Demokratie angetan hatte. Sie wusste um die Macht der Bilder, wusste Statements zu setzen.

Auch nach dem Tod ihres ersten Mannes blieb das Interesse der Öffentlichkeit an ihrer Person ungebrochen. Sie wurde zur Witwe der Nation, einer Art Nationalheiligtum. Kein Wunder, dass irgendwann der Wunsch nach einem Ausbruch aus dieser ihr zu eng gewordenen Rolle, nach einem Befreiungsschlag aufkam. Dieser Ausweg hieß Aristoteles Onassis. Der griechische Reeder und Multimillionär ließ für sie Maria Callas fallen. Eine zweite Hochzeit aus Kalkül, hieß es. Er bekam die begehrteste Trophy Wife der westlichen Hemisphäre – und Jackie im Gegenzug finanzielle Sicherheit und Schutz für ihre Kinder. Sie floh vor dem vermeintlichen Familienfluch und der strengen Obhut des Kennedy-Clans nach Europa, die amerikanische Öffentlichkeit rümpfte die Nase, die Kennedys waren düpiert. Das Nationalheiligtum stieg zu einem 23 Jahre älteren, nicht gerade mit Schönheit gesegneten, südeuropäischen Frauenhelden herab; die Königin Amerikas ehelichte einen Hofnarren. Welch ein Kontrast zu ihrer ersten Ehe. Oder doch nicht? Wieder war es die Macht, die sie anzog. Macht, Geld, Status sind nicht gleich Glück.

Nach dem Tode von Onassis erfand sich Jackie O. als „Working Woman“ neu - eine späte Emanzipationsgeschichte.Das zweite Leben der Jacqueline Kennedy begann – als Jackie Onassis, Society-Lady und Star des europäischen Jetsets. Ein Leben zwischen Paris und dem griechischen Mittelmeer, nach wie vor im Fokus der Öffentlichkeit, vor der Linse der Fotografen. Trotzdem ein unbeschwerteres Leben, weniger von Konventionen als vom Alltag mit ihren Kindern geprägt. Die vielen Fotos dieser Zeit, sie sie beim Baden zeigen – nicht nur Beute für die Sensationslust der Öffentlichkeit, sondern auch Metapher für eine Frau, die sich ein Stück freischwimmt. Es gelang ihr nicht ganz. Sie wünschte sich mehr Privatheit, doch die Geister, die sie gerufen hatte, wurde sie nicht los. Auch wenn sie Prozesse gegen die Paparazzi anstrengte.
Europa stand ihr – Jackies mondäner Stil mit großen Sonnenbrillen und zarten Kopftüchern wurde zum Markenzeichen. Man nannte sie nur noch Jackie O. Doch aus der Lady wurde nie eine Diva wie die Callas. Sie ist eine zurückhaltende Frau auf den Fotos dieser Jahre, aber das professionell-charmante Lächeln ist geblieben. Vielleicht ein wenig trauriger, schmerzhafter. Man weiß, wie auch diese Ehe ausging. Jahre des Hedonismus und der mehr oder weniger öffentlichen Skandale. Sie stets gefasst, er umtriebig. Von der Callas konnte Onassis nicht lassen, wieder erlebte Jackie Betrug und Affären. Doch diesmal, ohne das Schicksal der betrogenen Ehefrau lange still zu ertragen.

Als Onassis starb, hielt sich ihre Trauer in Grenzen. Wieder einmal erfand sie sich neu – als „Working Woman“. Eine späte Emanzipationsgeschichte: Nachdem sie in frühen Jahren den Beruf aufgegeben und ihr Leben den Männern, der Öffentlichkeit und der Familie gewidmet hatte, kehrte sie zurück in die Berufswelt und fand Erfüllung als Redakteurin und Lektorin. Privat blieb sie bis zu ihrem Tod ohne Trauschein glücklich mit ihrem dritten Mann zusammen. Bilder aus dieser Zeit zeigen sie uns als eine gereifte, selbstbewusste Frau. Sie ist nicht mehr die zugeknöpfte First Lady, sondern eine Frau mit mehr Gelassenheit, eine Frau, die viel erlebt hat. Immer noch ein wenig kühl und distanziert; nie hat man das Gefühl, sie zu kennen, sie zu durchdringen. Die Rolle der First Lady hat sie abgelegt, auch die der Jackie O., doch nicht die Rolle des Gesamtkunstwerks Jackie Kennedy Onassis. Trotzdem blieben ihr die Herzen der Öffentlichkeit ein Leben lang zugewandt. Weil sie mehr war als eine Ikone: eine Frau mit einer Geschichte zum Mitfiebern und Mitleiden. Mit einem Leben, das zum Schicksalsroman stilisiert wurde. Es hätte sicher für mindestens drei Romane gereicht.

Text: Jennifer Christina Albers