Phänomen Paparazzi

Phänomen Paparazzi

Das Leben der Anderen

Juli 2016

Sie ist ein vielbeschworener moderner Mythos: die ewige Hassliebe zwischen Star und Paparazzo. Doch warum fasziniert sie uns so sehr? Im Kern geht es dabei um die ganz großen Themen: Macht, Ruhm, Anerkennung, Geld. Viel Geld. Es geht um extreme Lebensformen: eine der sichtbarsten und eine der unsichtbarsten. Ein Leben vor den Augen der Öffentlichkeit – und ein Leben im Verborgenen, hinter dem Objektiv der Kamera, stets die Sichtbaren im Blick. Und es geht um eine symbiotische Beziehung, bei der sich immer wieder die Frage stellt, wer am Ende wen jagt. Ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem beide sich gegenseitig Mittel zum Zweck sind und dabei uns meinen, das Publikum. Sie brauchen einander, doch leiden sie aneinander. Eine unaufgelöste Ambivalenz.

Fellini gab dem Phänomen Paparazzi seinen Namen und machte es gesellschaftsfähig – als leicht lästige Begleiterscheinung des mondänen Lebens.Jeder Mythos hat einen Ursprung. Der Legende nach begann alles – wie sollte es anders sein – in Rom, wo die Stars und Sternchen sich im Nachtleben der Via Veneto tummelten, bald umschwärmt von Fotografen, die das illustre Treiben festhielten. Und mit Fellini, der ihnen 1960 in „La Dolce Vita“ mit der Figur des Paparazzo ein zwiespältiges Denkmal setzte. Fellini gibt damit dem Phänomen einen Namen (den seines Protagonisten – er ist, was er tut) und macht es gesellschaftsfähig – als leicht lästige Begleiterscheinung des mondänen Lebens. Dass Figurenname und Berufsbezeichnung auf einen Neologismus aus ragazzi, also jungen Männern, und pappataci, einer kleinen, aber lästigen Mückenart, zurückgehen sollen, ist ein weiterer Mythos.

Der gesellschaftliche Wandel der 1960er Jahre wird zum Nährboden für die Mückenschwärme: Mit Ende des Studiosystems in Hollywood schwindet der Fremdeinfluss, dem freie Fotografen unterliegen, und sie können ungehindert auch ungeschönte, unzensierte Bilder von Stars publizieren. Gleichzeitig steigt das Interesse des Publikums am Privatleben der Berühmtheiten, an den Menschen hinter den Rollen und Images, an der vermeintlich ungeschminkten Wahrheit und unstilisierten Pose. Magie weicht Alltag, Inszenierung weicht Zufall. Von Rom breitet sich die Mückenplage bald in viele weitere Städte des Jetset-Lebens aus. Wie das Licht die Motten bringen Celebrities ihre knipsenden Verfolger mit nach Paris, Cannes, New York oder St. Moritz. Im Sommer schwärmen sie in St. Tropez, im Winter ziehen sie nach Gstaad. Es sind die goldenen Jahre der 1960er und 1970er, die unser Bild von Paparazzifotografie für immer prägen werden. Es sind die goldenen Jahre der 1960er und 1970er, die unser Bild von Paparazzifotografie für immer prägen werden. Ihre erfolgreichsten Protagonisten sind heute selbst weltbekannte Marken: Tazio Secchiaroli, Ron Galella, Daniel Angeli, Edward Quinn. Viele ihrer Aufnahmen wurden zu Ikonen der frühen Popkultur; ihr Blick, ihre Ästhetik und Motivwelt wirkten sich nachhaltig auf unsere Vorstellung von dieser Zeit und ihren Menschen aus.

Die Paparazzi prägen unserem kollektiven Gedächtnis ihren Stempel auf, indem sie das Flüchtige festhalten und das Private öffentlich machen. Sie überliefern uns ein Bild von Menschen, in denen sich ihre Zeit manifestiert – sei es durch Moden, ihr Verhalten oder die Art und Weise, wie sie festgehalten werden. Die mondänen Sechziger wären in unserer Wahrnehmung nicht halb so mondän ohne Jackie Onassis, Grace Kelly oder Maria Callas in eleganten Roben und mindestens ebenso eleganten Limousinen; die Siebziger wären nicht halb so hedonistisch ohne freizügige Bilder von Brigitte Bardot, Mick Jagger oder Gianni Agnelli in St. Tropez.

Paparazzi sind die Hofmaler unserer Tage: Mit groben Strichen skizzieren ihre Schnappschüsse ein Porträt unserer Gesellschaft – bzw. eines ausgewählten Teils davon. Indem sie uns genau das geben, was wir wollen, wecken sie immer neue Begehrlichkeiten nach mehr. Der Paparazzo liefert uns Stoff für die Befriedigung unserer Neugierde, die Droge, die uns für Momente unserem Alltag entreißt, das Guilty Pleasure, das uns den Tag versüßt.

Der vermeintlich hohe Authentizitätsgrad der Bilder täuscht nur oberflächlich darüber hinweg, dass es sich bei ihnen in erster Linie um Spiegel unserer Projektionen handelt: Der Paparazzo zeigt dem Publikum, was es sehen möchte. Er inszeniert nicht, ist aber auch kein unbeteiligter Beobachter, kein Journalist. Er dokumentiert nicht – er selektiert. Er kennt die Sensationslust, die Wünsche und Sehnsüchte seiner Zielgruppe und sucht seine Motive gezielt danach aus.

Die Kunst des Paparazzos liegt nicht nur darin, im richtigen Augenblick auf den Auslöser zu drücken. Sie liegt auch in seiner Vorentscheidung für einen bestimmten Ort, einen bestimmten Prominenten – und der nachträglichen Auswahl des prägnantesten Bildes. Ein guter Paparazzo ist ein Meister des „entscheidenden Moments“ nach Cartier-Bresson. Er zeichnet sich nicht nur durch eine Mischung aus Geduld und Schnelligkeit aus, sondern vor allem durch Menschenkenntnis und einen guten Instinkt. Er muss ständig Entscheidungen treffen: Liege ich vor der Villa von Brangelina auf der Lauer oder halte ich am Flughafen nach Rihanna Ausschau? Es ist ein Glücksspiel, eine Jagd mit ungewissem Ausgang.

Ein guter Paparazzo ist ein Meister des „entscheidenden Moments“ nach Cartier-Bresson. Die Frage nach ihren Grenzen muss immer wieder neu diskutiert werden. Mit Einsetzen der Bilderflut in den 1980er Jahren und der Professionalisierung der Beobachtungstechniken wird der Markt für Paparazzifotografie zusehends heißer umkämpft; eine neue Generation mit radikaleren Jagdmethoden drängt nach vorne. „Gentleman-Paparazzi“ der goldenen Ära wie Daniel Angeli ziehen sich zurück oder gehen, wie Edward Quinn, andere Wege – weg vom „geraubten Bild“ hin zur bewussten Inszenierung der Stars – und werden damit zu Vorläufern der heutigen People Photography. Der Tod Lady Dianas gerät schließlich zum Sündenfall einer gesamten Branche und zum tragischen Opfer einer bildfixierten Sensationsgesellschaft. In der Folge können Stars und Prominente einen immer stärkeren Schutz ihrer Privatsphäre erstreiten. Heute führt der Paparazzo häufig ein Außenseiterdasein als Society-Schmeißfliege, verbunden mit dem ständigen Risiko, verprügelt oder verklagt zu werden – im schlimmsten Fall beides.

Im Zuge des digitalen Wandels haben längst Selfmade-YouTube-Stars und Instagram-Influencer die Oberhand gewonnen. Es gibt sie noch, die klassischen Paparazzi, doch ihr Einfluss schwindet. Im Zeitalter der digitalen Manipulationsmöglichkeiten verlieren ihre Aufnahmen zunehmend an Glaubwürdigkeit. Die Schnelllebigkeit des Internets sorgt zudem für immer geringere Bildhalbwertszeiten. Dabei ist die größte Konkurrenz des Paparazzos längst nicht mehr die eigene Kollegenschar: Es sind die Stars selbst, die via Facebook oder Twitter Bilder von sich oder ihrem Nachwuchs mit der Öffentlichkeit teilen, bevor es andere tun – und es ist seine eigene Zielgruppe. Das Publikum konsumiert nicht mehr nur, sondern partizipiert: Jeder hat jederzeit eine Handykamera dabei, kann schnelle Schnappschüsse machen, sie teilen und veröffentlichen – den Spezialisten mit dem Teleobjektiv braucht es kaum noch. Er wird immer mehr zum Fossil des vordigitalen Zeitalters.

Als solches hat die Kunst den Paparazzo, seine Motivik und Bildsprache für sich entdeckt. Nostalgisch blicken Sammler auf die atmosphärisch dichten Motive der goldenen Zeit. Ausstellungen wie die von 2008 in der Berliner Helmut Newton Foundation oder 2014 in der Frankfurter Schirn Kunsthalle untersuchen Geschichte sowie kulturelle Hintergründe des Phänomens und schlagen den Bogen zur zeitgenössischen Kunst. Künstler/-innen wie Cindy Sherman oder Alison Jackson spielen mit Inszenierungstaktiken und Betrachtererwartungen oder greifen, wie Juergen Teller mit seinen beiläufig erscheinenden, häufig überbelichteten Szenen und angeschnittenen Posen, die Paparazzi-Ästhetik auf formaler Ebene auf. Auch Grafikdesign und Werbung arbeiten längst mit ihren Stilmitteln, spielen mit Bewegungsunschärfe oder starken Kontrasten, um ihren Motiven den Hauch des Spontanen und Authentischen zu verleihen.

Der Paparazzo selbst ist zum Mythos geworden: Er lebt das Leben anderer, passt sich dem Alltag seiner Zielobjekte perfekt an, ständig auf der Lauer, jede ihrer Bewegungen im Blick. Ein Stellvertreterleben. Von dieser Art Hingabe geht eine ganz eigene Faszination aus. Star und Paparazzo – eine pathologische Beziehung.

Text: Jennifer Christina Albers